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Von Daniele Carrozza (Text und Fotos)

Vintage ist in. Selber Hand anlegen auch. Wer einen Old-, Young- oder Newtimer besitzt und diesen individualisieren will, dürfte bei «Röllin’s Vintage Factory» in Dachsen bei Zürich die ideale «Spielwiese» finden.

Von aussen betrachtet ist Röllin Motos inDachsen im zürcherischen Weinland einganz normaler Händlerstützpunkt. Blicktman jedoch hinter das Wellblech und begibtsich ins Obergeschoss, betritt man ein kleines«Reich des Schraubens», das man so mitten «auf dem Land» nie erwarten würde. Vier Mechaniker-Arbeitsplätze sind eingerichtet (zwei weitere stehen in Planung) – jede «Box»liebevoll aufgebaut, mit Vintage-Trouvaillen geschmückt und mit einem Basis-Werkzeugset ausstaffiert. Das Besondere: Es herrscht vielmehr Wohnzimmer - denn Werkstatt-Stimmung. Doch jetzt eines nach dem anderen.

Aus der Not eine Tugend gemacht
Walter Röllin ist seit 1980 am Standort Dachsen tätig und hat die Glanzzeiten des Handels mit Motorrädern miterlebt. «Nicht, dass es heute schlecht laufen würde», so der Kawasaki-, Ducati- und MV-Agusta-Spezialist, «aber der Markt hat sich stark verändert und wurde anspruchsvoller.» Aus diesem Grund hat Röllinvor rund einem halben Jahr beschlossen, den Bekleidungs-Verkauf einzustellen, weshalb im Obergeschoss der Liegenschaft nun 130 Quadratmeter Ladenfläche brachlagen. «Natürlich fragte ich mich, was ich mit dieser Fläche machen sollte. Als Büroraum vermieten? Oder als Lager? Ich kam dann zum Schluss, diesen Teil meines Betriebes auch weiterhin selbstständig bewirtschaften zu wollen.

Die zündende Idee zu ‹Röllin’s Vintage Factory› kam mir im Gespräch mit meinen Kunden. Da gibt es diverse, die immer wieder bekundet haben, selber einmal einen Töff auf- oder umbauen zuwollen. Konkret wurde dies jedoch nie, wobei als Begründung jeweils ins Feld geführt wurde, dass die Erfahrung beim Schrauben, das Werkzeug und insbesondere eine geeignete Räumlichkeit fehlen würden. Mit der VintageFactory will ich genau diesen Kunden die Möglichkeitgeben, ihren teils seit der Kindheit gehegten Traum in die Realität umzusetzen», resümiert Walter Röllin. Ein spannendes Geschäftsmodell! Röllins Idee passt perfekt in die heutige Zeit,in der bei vielen Bikern der Wunsch, selber am Bike Hand anzulegen, immer stärker zu werden scheint. Gerade Old- und Youngtimer werden– von der Sehnsucht nach Analogem in einer zunehmend digitalisierten Welt getrieben– immer häufiger individualisiert.

Dies führte jüngst zum Boom der so genannten«Vintage-Szene», und genau hier knüpft Walter Röllin an, der das, was heute als Vintage bezeichnet wird, in den glorreichen Tagen selbererlebt hat und damit bestens kennt. Wer sich in der Vintage Factory einmietet,kann sofort loslegen und hat praktisch uneingeschränkten Zugriff auf «seine» Box mit Basis-Werkzeug. Spezialwerkzeug wurde in einer Werkbank zusammengefasst, bei der sich alle «Mieter» bedienen dürfen.

Bevor der Schraubenschlüssel jedoch gezückt wird, empfiehlt sich ein Beratungsgespräch mit dem Meister, der sich hierfür gerne Zeit nimmt. Denn Walter Röllin will mit seinen 40 Jahren Erfahrung mit Um- und Aufbauten Rat und Hilfe bieten. Röllin: «Es geht darum, die Wünsche des Kunden und damit das Projekt auf technischen Aufwand, Kosten, sprich auf Machbarkeit zu analysieren. Gerne stehe ich auch als Inspirationsquelle beratend zur Seite, und bei der Materialbeschaffung kann ich ebenfalls dienen. Sollte der Kunde im Laufe des Projekts einmal nicht weiterkommen, kann er mich selbstverständlich um Rat fragen, sofern sich mein Aufwand dabei in Grenzen hält, und ich will auch mal zeigen, wie man hier oder dort handwerklich vorzugehenhat.

Für den Fall, dass ich längere oderkomplexere Arbeiten vornehmen soll, muss ich diese selbstverständlich verrechnen. Generell gilt zu bedenken, dass wir im Hause einen normalen Betrieb am Laufen haben, die Werkstatt im Untergeschoss also nicht betreten werden darf.

«Gute Atmosphäre, kreativer Austausch, ein bisschen Competition» Walter Röllin

Und es versteht sich von selbst, dass die Vintage Factory für mittel- bis langfristige Projekte gedacht ist, nicht etwa für klassische Service-Arbeiten.» Die bei unserem Fototermin noch im Aufbau befindliche Factory kann sich schon jetzt echt sehen lassen, wie auf den Bildern unschwer zu erkennen sein dürfte.

Röllin hat dieBrockenhäuser der Umgebung abgeklappert,Schreinereien aufgesucht, ist im Wald verschwunden,um verrostetes Wellblech auf Holzstapeln ausfindig zu machen, und hat auch sein Lager nach Vintage-Utensilien durchforstet. Die Lounge wird noch ausgebaut. Denn die Idee ist, dass auch mal Kollegen auf ein Bier und ein Benzingespräch vorbeikommen sollen. Die soziale Komponente ist also nicht unwichtig: «Im Interesse einer guten Atmosphäre sollen der Austausch und generell das Zusammensein gefördert werden.

Sich gegenseitiginspirieren und helfen, das gehört dazu. Vielleicht kommt es sogar zu einer kleinen Challenge!», hofft Röllin. Und so erscheinen angesichts des Gebotenen auch die 280 Franken Monatsmiete je Box mehr als fair. Was man mitbringen sollte? Neben einem Bike und einer Idee den Willen, einen langegehegten Traum zu verwirklichen. Die Bereitschaft, sich dreckige Hände zu holen, und natürlich Geduld. Wir sind jedenfalls bereits in Röllin’s Vintage Factory eingezogen und werden bei Fertigstellung unseres Projekts – dem Umbau einer Ducati 900 Super Sport zum Café Racer – über das Erfahrene berichten.

 

1. Walter Röllin lamentiert nicht und hat mit seiner Vintage Factory aus der «Not» eine Tugend gemacht.
2. In Dachsen führt Röllin die Produkte von Kawasaki, Ducati und MV.
3. Jede Box verfügt über einen Basis-Werkzeug-Kit.
4. Die Vintage Factory – Kollegen der «Schrauber» dürfen auch reinschauen – lohnt auch so einen Besuch.
5. Authentisches Wellblech-Dach über Box 3.
6. Wo Neuzeit und die «glorreichen Tage» köstlich verschmelzen.

toeff-magazin.ch
Bericht als PDF

 

 
Last Update 29.06.2017